22.08.10

Nächtliche Gewittergedanken    

    

2 Tage vor Vollmond. Samstag abends um 21h war der Zenit nach einem kurzen Regenguss nur noch leicht bewölkt, kein Mond zu sehen, am Firmament jedoch leuchtete hell die Venus.

Ich hatte alle Fenster geöffnet, auch in den Appartements. Ein angenehmer Luftzug durchzog das ganze Haus – lebenswert so ein Abend allein, auch ohne männlichen Anhang, manchmal eindeutig sogar besser.

Es gab Momente da ich das besonders genoss. Jetzt hatte ich richtig Lust auf einen Spaziergang am Meer, mit Leon, dem einzigen Jüngling den ich an meiner Seite derzeit gern dulde.

Die kühle erfrischende Meerbrise konnte ich bis hierher riechen und immer wenn ich am Meer saß, wenn auch nur für 30 Minuten, dann kehrte ich erfrischt in mein Zuhause zurück. Erfrischt in Körper, Geist und Seele. Eine eigene Qualität, so eine Meeresbrise, die einem direkt um die Nase weht.

Den ganzen Tag am PC sitzen, das ist echt krank.

Ich griff also zur Taschenlampe, rief Leon und wir wanderten gemächlich 7 Minuten zum nächst gelegenen Punkt am Strand.

Am Weg dorthin begegneten wir einer Freundin von Leon die sich uns auch gleich anschloss. Die junge Hündin war eine der wenigen gepflegten hierzulande. Manchmal hatte ich den Eindruck dass Leon sich seine Spielgefährten nach ihrem gesundheitlichen Zustand aussuchte. Sie war jedenfalls willkommen und beide tollten den Strand hin und zurück, wobei die Kleine Leon ununterbrochen herausforderte. Sie hatte eindeutig mehr Energie heute, was normaleweise eher selten vorkam. Die beiden hatten ihr Vergnügen während ich mich vor ein Grundstück setzte, dessen Stufen direkt zum Strand führten. Mein Lieblingsplatz.

Als ich vor 2 Jahren ein ansprechendes Grundstück suchte und mir dieses ins Auge stach, vollkommen verwildert und mit Mauerresten, war dies noch nicht zu verkaufen gewesen. Kurz nachdem ich meine Grundstücke 500m weiter im Landesinneren von Badou gekauft hatte, stand in großen weißen Ziffern die Telefonnummer auf der einzigen Mauer die noch stand. Es war zu verkaufen, bedauerlicherweise für mich zu spät.

Jemand hatte erkannt, dass hier einer der wenigen kurzen Strandabschnitte war wo die Strömung bisher noch keine Mauern niedergerissen hatte und die unberechenbare Strömung war genau mein Beweggrund gewesen warum ich mich dann für ein „sicheres“ Grundstück in 5. Reihe entschloss.

4 Monate später erhoben sich bereits die neuen Grundmauern des 200m2 großen Gebäudes mit einer großen Terrasse im Obergeschoß und einem riesigen Schwimmbecken im Südbereich.

Einer der Arbeiter lud mich später dorthin ein als ich meiner Bewunderung über die gelungene kräftige rote Farbe des gesamten Komplexes Ausdruck verlieh.

Insgesamt verfügt das Haus über 6 Doppel-Zimmer, eine zentrale Küche mit allen Nebenräumen. Die Innengestaltung der Zimmer ist auf einfachem Niveau, aber durchaus praktisch, und ansprechend aufgrund der Farbgebung der Zimmerwände.

Dort saß ich also nun, an meinem „verlorenen“ Lieblingsplatz, blickte aufs tosende Meer und auf den einzigen im fahlen Mondlicht trainierenden Senegalesen, der wohl am Tag keine Zeit hatte sich ausgiebig seinem „daily must have“ zu widmen. Er lief immer wieder an mir vorbei, vom Hafen Ngaparou bis zur großen Bucht und wieder retour.

Plötzlich fühlte ich etwas Bedrohliches hinter mir.

Ich wandte mich um und blickte nach oben in die Zähne eines Rechens! Dahinter konnte ich aus den Augenwinkeln die Silhouette eines großen Mannes erkennen. Dunkler großer Typ, gut gebaut, enganliegende Short als einziges Kleidungsstück, leider aber bewaffnet mit einem Rechen. Die Spitzen des Rechens waren bedrohlich nah am meinem Kopf.

 

Ich lachte hell auf um meiner aufsteigenden Mulmigkeit zuvorzukommen.

„Ca va?“ sage ich laut und dachte bei mir - was ist, willst mir jetzt den Schädel frisieren?

Der Gardien meines Lieblingshauses ließ den Rechen sinken und ging wortlos zurück ins Dunkel.

Depp, dachte ich, manchmal geht auch anderen wohl die Phantasie durch.

Nach diesem Erlebnis hatte ich genug vom Herumsitzen. Ich ging, bis zu den Knien im Wasser watend den Strand entlang Richtung Hafen.

 

Das Meer war wärmer als die Luft. Gerne wäre ich schwimmen gegangen, aber ich war dann doch zu feig. Schon einmal hatte ich gedacht es wäre Flut und doch trugen mich die Wellen immer weiter ins offene Meer. Mit Mühe hatte ich es kraulend zurück an den Strand geschafft und mit Herzklopfen hatte ich mir geschworen die Kraft der Wellen nie wieder zu unterschätzen.

Und ich dachte an die salznassen Klamotten. Es gibt nichts Unangenehmeres als mit salzgetränktem, feuchten Gewand nach Hause marschieren zu müssen.

Wir hatten genug Frischluft getankt, ich ja auch ein bisschen Adrenalin aufgrund des Rechenmannes und meiner abschweifenden Gedanken.

Die beiden Hunde waren müde vom Herumtollen.

Wir werden heut gut schlafen, Leon, hm?

Die Taschenlampe vor mich hin- und herschwenkend und mit den Badeschlapfen laut schlurfend, einerseits um auf dem holprigen Weg nicht umzukippen, andererseits um etwaige Schlangen gleich zu vertreiben, ging ich festen Schrittes Richtung Haus.

Taschenlampen in dieser Größe haben was Gutes an sich, sind als Waffe geeignet.

Als Leon kurz aufknurrte und dann losraste konnte ich die Silhouetten einiger davonlaufender Ziegen erkennen, die sich auf einen Haufen von Betonziegeln flüchteten. Die Mutter stellte sich und hielt Leon drohend ihren kurzen Hörnchen vor die Nase. Er wich zurück und stolzierte mit hoch erhobenem Schwanz und hocherhobenen Kopf weiter. Mit so was gab er sich nicht länger ab, nicht mit so kleinen Ziegenmüttern!

Auch ohne schwimmen gewesen zu sein, spürte ich das Salz auf den Lippen, den Sand in den Haaren. Also ab in die Gartendusche. Die Solarlampe mit meinem T-Shirt abgedeckt, wird auch mein Gardien oben im Stock nichts von meiner Figur erkennen, hoffte ich.

Als wenig später der Strom ausfiel war ich zufrieden und müde genug um schlafen zu gehen.

 

Um 3h nachts weckte mich ein greller Blitz. Sekunden später war der erste Donner zu hören und ein mächtiger Sturm rüttelte an den Fenstern in den Appartements. Zu spät, schon peitschte der Sturm den Regen waagrecht gegen die Ostseite. Ich hörte noch eine Türe zuknallen und wusste somit, mein Gardien war wohl jetzt von der Terrasse in sein Zimmer geflüchtet.

Das gibt eine Überschwemmung im Appartement 2.

Ich sprang aus dem Bett, stolperte durch die Zimmer, schloss schnell alle Fenster im Erdgeschoß, kramte die alten einsatzbereiten großen Handtücher aus der Garderobe und breitete sie unter das undichte Wohnzimmer-Fenster.

So ein Gewitter hatte ich hier noch nie erlebt.

Der Regen hörte plötzlich auf um mit einem neuerlichen Blitz und Donner gleich wieder zu beginnen. Das heftige Grollen war wahrlich Angst einflößend.

Die Windrichtung änderte sich plötzlich gegen Süden. Ich war hier anscheinend wirklich im Epizentrum des Geschehens, das Wetter drehte sich über mir. Alle 5 Minuten änderte sich die Windrichtung und peitschte den Regen gegen eine andere Hausfront.

Sieht so ein Tsunami aus?

An Schlaf war nicht mehr zu denken.

Immer noch nackt setzte ich mich in den Salon, wickelte mir einen Pareo um, zündete mühsam eine Stummelkerze an und starrte in die Flamme.

Was passiert jetzt wenn eine Flutwelle bis hierher kommt.

Badou hat immer gesagt ohne Hose geht man nicht ins Bett, man weiß nie was passiert!

Er dachte dabei aber an Einbrecher!

Hose, ha, Einbrecher, lächerlich! Ist ja wohl echt völlig nebensächlich ob man mit oder ohne Stringtanga absäuft! Echt egal ob man mit oder ohne Negligé gefunden wird, wenn überhaupt!

Innerlich weigerte ich mich jetzt erst recht etwas anzuziehen.

Sollten sie kommen die Wellen, ich kann ja immer noch in den ersten Stock!

Ich kann nicht in den ersten Stock! Es hagelte die Blitze nur so vom Himmel.

Ich trau mich ja nicht mal eine Metalltür angreifen!

Und mein lieber Freund Alfred Pany hat vor 4 Tagen ein vielbewundertes Foto in facebook gestellt. Er hatte einen Blitz eingefangen. Dass ich nicht lache!

Hier könnte er gar nicht anders als ihn einfangen, hier blitzt es ohne Unterlass!

Was passiert mit Leon, wenn die Welle kommt?!

Was passiert mit mir?

Und wo ist mein Gardien?

Na der kann mir jetzt auch nicht helfen.

Ob das Blechdach auf Badou´s Stiegenhaus hält?

Ist ja nur mit Ziegeln befestigt.

Was interessiert mich plötzlich Badou´s Haus??? Den kümmert ja meins auch nicht!

 

Leon, was machen wir jetzt? Wir können nur warten!

Leon saß ruhig auf der Bank und putzte sich grad seinen Bauch.

Tiere wissen immer ob es gefährlich wird. Er findet das offensichtlich harmlos. Irgendwie ist das beruhigend. Wenn, dann sterben wir gemeinsam.

So was Blödes! Wir sterben gar nicht, ich will nach Wien!

Wenn jetzt eine Welle kommt, dann bin ich nicht vorbereitet. Alles zugesperrt, ich könnte nicht mal mitschwimmen, geschweige denn davonlaufen. Und nackt bin ich auch noch.

Was zieht man in so einer Situation überhaupt an? Alles unangenehm.

Ich hab Angst. Shit! Ich hab wirklich Angst! Erstmals im Leben hab ich Angst vor einem Unwetter. Und es hat mit der Nähe zum Meer zu tun. Und damit dass ich mich allein fühle!

Vor mir steigen die jüngsten Katastrophenbilder auf.

So schnell kann´s also gehen, da ist man einfach nicht drauf vorbereitet.

Wer hat schon eine Schwimmweste im Haus!? Und wenns dich gegen den nächsten Baum schwemmt, nützt dir auch die Schwimmweste nix. Außerdem stehen hier überall Häuser herum die schon beim Anblick zerfallen, der erste Ziegelstein der mich trifft und Licht aus, für immer, nackt und irgendwo angeschwemmt!

Ich denke an meine Familie in Wien, es ist 5h, die schlafen alle, die wissen gar nicht was sich hier abspielt. Die wissen auch nicht wie´s mir grad geht.

Ich schnapp mein Handy, ach so hab ja keinen Credit mehr. Kann nicht mal SMS schreiben, nicht mal telefonieren. Das ist ja echt zum aus der Haut fahren, so nachlässig wie ich bin!

 

Aber mein Haus rührt sich keinen Zentimeter, nichts wackelt hier, gut gebaut. Ein stabiler Käfig, hier wird man mich finden, neben meinem Hund!

Na jetzt reicht´s aber, so blöde Gedanken!

Um irgendetwas Sinnvolles zu machen springe ich auf und geh zum Sicherungskasten.

Sollten die den Strom aufdrehen, dann könnt hier der Blitz einschlagen, oder nicht?

Nein, der könnte auch so einschlagen, aber Blitze schlagen doch immer ins Wasser, wenn eines da ist, also das Meer ist vor der Tür.

Darum hat hier also keiner einen Blitzableiter! Ich auch nicht! Aber ich hab eine Riesen-Sat-Schüssel, die wird’s treffen und dann ist hier alles im Eimer!

Ich dreh wenigstens den Hauptschalter ab, kann nicht schaden!

Also, ich hab echt null Ahnung von Strom! Null Ahnung von Blitz, ich hab überhaupt null Ahnung von irgendwas! Das ist Hilflosigkeit pur!

Ich beobachte die Lache im Salon wie sie immer größer wird.

Ich muss wenigstens irgendwas tun! Kann ja nicht nur zuschauen wie ich untergeh!

Also hol ich den Wasserschieber aus dem Bad und schaufle das Wasser Richtung Ausgang.

Wenn die große Welle kommt, dann war auch das umsonst, aber bis dahin zusehen und nichts tun, das kann ich nicht.

Ich fühl mich kleiner als eine Ameise im Heuhaufen. Ich fühl mich so winzig, einsam und hilflos, dass ich es gar nicht beschreiben kann. Ich fühl mich so überrollt von dieser Naturgewalt.

Wir sind wirklich arme Kreaturen, die glauben sie haben die Weisheit mit dem Löffel gefressen. Gar nichts haben wir, wir sind ganz kleine Nullen hier!

Ein Sturm, ein Blitz, eine Welle und wir sind weg. Einfach weg! So klein sind wir in Wirklichkeit, ein winzig kleiner Punkt im endlosen Universum, im Grunde sind wir gar nicht der Rede wert.

Ich rege mich nicht mehr, nichts mehr regt sich in mir. Ich warte, apathisch, fast schon geduldig, auf das Ende. Es wird entweder mein Ende sein oder das Ende des Unwetters. Es steht 50/50. Also wozu drüber nachdenken, es kommt wie´s kommt!

 

Nach 2 endlosen Stunden mit Blitz und Donner hört der Regen gänzlich auf. Immer noch rinnen breite Wassermassen auf 3 Seiten durch die betonierten Abflüsse der oberen Terrassen.

Morgen, morgen seh ich mir die Schäden an, denk ich auf dem Weg zurück ins Bett.

 

Ich bin erschöpft - erschöpft von meinen Vorstellungen!

So also funktioniert das menschliche Gehirn. Als wüsste ich das nicht ohnehin.

Trotzdem hatte ich eine Erkenntnis. Hirn-Gespinste!

Es sind die Gedanken, die einen lähmen, Gedanken an viel Schlimmeres als in der Realität gerade passiert!

Phantasie kann also lähmen. Daher kommt das Wort phantasieren im üblichen Sprachgebrauch also.

Ich hab phantasiert, nicht mehr. Ich hab mich geistig und emotional auf eine Reise begeben, ich war gar nicht hier, ich war nicht wirklich anwesend. Ich war mitten in einem geistigen Tsunami!

Dann sind es wohl auch Gedanken die einen gut leben lassen können.

Na mein GEdankengut werd ich aber jetzt schleunigst ändern!

 

Ich bete, wie so oft hier, bevor ich endlich einschlafe.

Ich danke Gott, dass ich noch am Leben bin und gleichzeitig geniere ich mich dafür mich für so wichtig zu halten, dass er mich am Leben gelassen hat.

Trotzdem danke! Allein für diese Erkenntnis der Hirngespinste.

Und ich lächle in mich hinein.

Ja, ich weiß, ich bin nicht wichtig, aber ich bin´s mir nun mal selbst wert noch am Leben zu sein! Kann ja nicht alles gewesen sein, 52 Jahre! Wär einfach zu schade um die Tage die ich nicht ab jetzt auch positiv phantasieren könnte!

 

Im Appartement 2 fand ich morgens, übrigens bei brütendem Sonnenschein, die vermutete Überschwemmung. Ich nahm den Wasserschieber und schob das Wasser vor mir her auf die Terrasse. Praktisch! Kein Schäden zu verzeichnen. Alle Strohdächer hatten gehalten, nur mein Sat-Empfang ist wieder mal verloren. Aber das lässt sich ja reparieren.

 

Bis heute um 18 h gab es keinen Strom. Der Zentralmast im Ngaparou war diesem Unwetter zum Opfer gefallen. Die Reparatur dauerte den ganzen heutigen Sonntag lang, aber auch das ist anscheinend wieder in Ordnung.

 

Mein „verlorenes“ Grundstück am Meer ist übrigens sehr wohl gefährdet wie mein letzter Besuch gezeigt hatte. Inzwischen sind auch am Nebengrundstück mehrere gepflanzte Palmen von der Strömung bereits entwurzelt worden. Es ist eine Frage der Zeit, einer kurzen Zeit, bis auch „mein“ Grundstück davon betroffen ist.

Meine Entscheidung für dieses Grundstück, 500m landeinwärts, hat sich somit bestens bewährt.

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